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Armut und sozio-kulturelle Benachteiligung

Bei der gefühlten Armut geht es vor allem um sozio-kulturelle Benachteiligungen (wie z.B. kinderunfreundliche Umgebungen), welche die Entwicklung zu einer sozialen Persönlichkeit behindern, oder um soziale Ausgrenzungen, etwa von Freizeitaktivitäten und anderen gesellschaftlichen Angeboten. Zu den kinderunfreundlichen Umständen könnten beispielsweise ein beengter Wohnraum, unzureichende Entfaltungsmöglichkeiten, eine schlechte Erziehung ohne geregelte Strukturen, Wertevermittlung, Vor- und Leitbilder oder die systematische Förderung eines gesunden Selbstbewusstseins zählen.

Zur Ausgrenzung wären Benachteiligungen zu rechnen, die im Vergleich mit Altergenossen empfunden und erlitten werden. Gerade Kinder reagieren empfindlich auf Ungleichheiten und soziale Unterschiede: Die anderen kriegen viel Taschengeld, ich kann mir nicht mal ein Pausenbrot leisten; andere tragen Markenkleidung und -schuhe, ich kann mir nicht mal vergleichbare Discounter-Produkte leisten; andere können sich teure Flugreisen leisten, ich nicht mal einen Urlaub in Bayern. Dabei kann es sein, dass diese soziale Benachteiligung nicht als gesellschaftliche Ungerechtigkeit empfunden wird, sondern entweder als Versäumnis der Eltern oder sogar als eigenes individuelles Versagen, sagt doch das Sprichwort: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.“

Da ist es meist auch kein Trost, wenn die eigene Benachteiligung als Folge einer Massenarbeitslosigkeit zu werten ist, von der die eigene Familie betroffen ist, kann doch jede Arbeitslosigkeit, auch wenn sie strukturelle Ursachen hat, als persönliches Versagen gedeutet werden und am eigenen Selbstbewusstsein nagen.

In diesem Zusammenhang ist durchaus die Frage aufzuwerfen, ob die sozio-kulturelle Benachteiligung eine Folge der materiellen Not sei oder die wirtschaftliche Armut eine Folge von sozio-kulturellen Faktoren. Neuerdings gibt es Tendenzen, welche die Benachteiligungen des Prekariats – wie die verarmte Schicht genannt wird – nicht der Armut zuschreiben, sondern – umgekehrt – ihre Armut den spezifischen Verhaltensweisen der Unterschicht anlastet. So etwa der STERN: „Die Armut ist eine Folge ihrer Verhaltensweisen, eine Folge der Unterschichtkultur.“ Die Wahrheit dürfte indes weder ausschließlich in der einen noch in der anderen Richtung zu suchen sein; vielmehr dürften sich beide Seiten der Medaille gegenseitig bedingen und verstärken. „Beide Dimensionen – die materielle und die soziokulturelle – stehen besonders bei chronischer Armut in einem engen, oftmals wechselseitigen Bezug zueinander“, sagt Prof. Hans Weiß von der pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, und führt aus: „Einschränkende materielle Bedingungen können, besonders wenn sie lange anhalten, zu soziokultureller Dysfunktionalität führen. Umgekehrt verstärken dysfunktionale Verhaltensweisen die Auswirkungen von Armut auch auf die Kinder. Dies meint die Rede vom ‚Teufelskreis der Armut’.“
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