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Kinderarmut – Wege aus der Krise

Kinderarmut ist unterschiedlich zu bewerten – je nachdem, ob wir es mit Kinderarmut hierzulande oder in den Entwicklungsländern zu tun haben. Kinderarmut in armen Ländern kennen wir seit langem. Kinderarmut in Deutschland ist – zumindest in ihrem jetzigen Ausmaß – ein neues und bestürzendes Phänomen. Kinderarmut darf uns nicht gleichgültig sein. Weder hier noch anderswo. Kinderarmut und ihre Folgen sind ein Skandal, der uns alle angeht.

Gibt es Wege aus der Krise? Gewiss: wirtschaftliche und finanzielle Entwicklungen lassen sich nicht leicht beeinflussen und schon gar nicht von heute auf morgen. Auch gesellschaftliche Prozesse können nur bedingt gesteuert und in eine neue Richtung gewendet werden. Die Politik kann – wenn sie den Willen dazu hat – Rahmenbedingungen ändern und für einen sozialen Ausgleich sorgen. Aber weder Regierungen noch Parlamente können Kinder erziehen oder Armut gänzlich abschaffen. Jeder kann nur vor seiner eigenen Haustüre kehren und seinen eigenen bescheidenen Beitrag leisten. Aber worin besteht dieser Beitrag? Was ist die Verantwortung des Einzelnen, der Familie? Welchen Beitrag hat die Schule zu leisten? Und worin besteht die Verantwortung der Gesellschaft? Die folgenden Antworten – sie beinhalten vier mal dreizehn Punkte – stellen den Versuch dar, Aufgaben und Lasten unterschiedlicher Akteure zu benennen und Verantwortungsbereiche aufzuzeigen. (Quelle: Kurt Bangert: Kinderarmut. In Deutschland und weltweit, Hänssler: Holzgerlingen 2010, S. 93-105)

1. Das Kind als selbstbestimmtes Wesen
2. Die Familie als prägendes Milieu
3. Krippe und Kindergarten als erste Bildungsinstitution
4. Die Schule als Chancegeber
5. Die Gesellschaft als Bewährung

1. Das Kind als selbstbestimmtes Wesen

Zweifellos: Menschen haben unterschiedliche Hintergründe und Startchancen. Die einen wurden in wohlhabende und gebildete Familien hineingeboren, die anderen in arme Familien ohne nennenswerte formale Bildung. Vieles spricht dafür, dass die Wege unserer Kinder weitgehend vorgezeichnet sind – je nachdem, aus welchem Milieu sie stammen.
Doch dabei handelt es sich nicht um ein unumstößliches Gesetz oder um eine nicht zu durchbrechende Zwangsläufigkeit. Es gibt zahlreiche Beispiele, die belegen, dass Kinder aus denselben Milieus sich unterschiedlich entwickelt haben und dass sich einige von ihnen trotz schlechter Startchancen akademisch, wirtschaftlich und sozial gut entfaltet haben, um in der Leistungsgesellschaft Erfolg zu haben. Das Prinzip dafür ist denkbar einfach: Jeder Mensch, auch jedes Kind, ist letztlich für sich selbst verantwortlich. Das Kind als selbstbestimmtes Wesen – diese Erkenntnis ist die erste und wichtigste Voraussetzung für ein gelingendes Leben. Wie wird das Kind zu einem selbstbestimmten Wesen? Hier sind einige Voraussetzungen:

1. Ein Kind, dessen Leben gelingen soll, muss lernen, was es heißt, sich gesund zu ernähren. Es muss wissen, was die wichtigsten Hauptnahrungsgruppen sind, die der Körper regelmäßig braucht, und welche Nährstoffe zu seinem Wohlbefinden nötig sind. Ohne dieses Wissen wird ein Kind nicht einsehen, warum es nicht ausschließlich Fastfood oder Junkfood essen soll.

2. Ein Kind sollte lernen, für seine körperliche Gesundheit insgesamt zu sorgen: durch Bewegung und sportliche Betätigung, regelmäßiges Essen, ausreichenden Schlaf, Hygiene, sauberes Trinkwasser und durch das Vermeiden risikoreicher Handlungen wie das Berühren der heißen Ofenplatte oder das Missachten von Verkehrsregeln.

3. Ein Kind sollte auch vermittelt bekommen, warum eine gute Bildung und Ausbildung vorteilhaft für sein Leben sind und warum Bildung ihm eine bessere Chance bietet, seinen eigenen Neigungen und Wünschen nachzugehen. Bildung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Selbstbestimmung.

4. Kinder sollten wissen, welche Rechte sie haben. Der erste Eindruck, den Kinder gewinnen, nämlich dass sie unendlich abhängig sind, muss ersetzt werden durch das Wissen, dass sie Ansprüche und Rechte haben, die sie notfalls einfordern können.

5. Kinder sollen wissen, dass sie ein verbrieftes Mitspracherecht haben in allen Angelegenheiten, die sie selbst betreffen. Das heißt nicht immer, dass sie ihren Willen durchsetzen werden, aber es heißt, dass sie informiert und gehört werden müssen.

6. Kinder sollten lernen, mit ihren Gefühlen umzugehen. Wenn sie mit ihren Ängsten, Hoffnungen, Trieben, Frustrationen oder mit ihrer Wut konstruktiv umgehen können, werden sie besser durchs Leben kommen.

7. Kinder sollten lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu verstehen: leibliche und emotionale Bedürfnisse, Bedürfnisse nach Freundschaft, Respekt, Anerkennung, Erfolg und dem Ausleben von Neigungen und Vorlieben. Sie sollten gleichzeitig aber auch lernen, Bedürfnisse anderer zu akzeptieren und zu respektieren.

8. Kinder sollten nach Möglichkeit lernen, für sich einzutreten, ohne andere zu manipulieren, und auf Bedürfnisse und Gefühle anderer empathisch Rücksicht zu nehmen, ohne sich instrumentalisieren oder manipulieren zu lassen. Kinder sind soziale Wesen und müssen lernen, sich sozial zu verhalten.

9. Kinder müssen zu kommunizieren lernen: was es heißt, jemandem zuzuhören, jemanden aussprechen zu lassen, und wie man sich andererseits selbst Gehör verschafft; sie müssen lernen, den anderen zu verstehen, wie er verstanden werden will, bevor sie reagieren.

10. Kinder sollten lernen, verantwortlich mit ihrer Sexualität umzugehen: d.h. Risiken zu meiden, sich vor Verletzungen, Infektionen und ungewollten Schwangerschaften in Acht zu nehmen, andere nicht zu verletzen und zu infizieren, sich von Erwachsenen nicht verführen zu lassen; Nein zu sagen und sich notfalls zu wehren; gegebenenfalls Hilfe zu holen.

11. Kinder sollten für sich wünschenswerte moralische und ethische Werte entwickeln: nicht, um andere zu verurteilen und sich für besser zu halten als andere, sondern um ihr eigenes Handeln daran zu orientieren und ihr Gewissen zu schärfen.

12. Kinder müssen lernen, mit Geld umzugehen. Dazu sollten sie nach Möglichkeit schon frühzeitig ein regelmäßiges Taschengeld in voraussehbarer Höhe erhalten, über dessen Ausgeben sie frei bestimmen können. Hilfreich ist auch die Einbeziehung der Kinder in die finanziellen Angelegenheiten des Familienhaushalts.

13. Kinder sollen lernen zu träumen und ihre Fantasie spielen zu lassen. Gleichzeitig sollten sie aber behutsam an die Realität herangeführt werden, ohne dass sie ihren Optimismus und Enthusiasmus verlieren, der ihnen sagt, dass sie die Welt verändern können.

2. Die Familie als prägendes Milieu

Die Familie des Kindes ist das formende Umfeld, in dem die ersten Weichen für seine Zukunft gestellt werden. Was in der Familie gelernt oder nicht gelernt wird, kann entscheidend für das ganze Leben sein. Doch wie sollen Eltern mit ihren Kindern umgehen, wenn sie dies weder in der Schule noch in der Ausbildung oder an der Universität gezeigt bekommen haben? Kindererziehung schaut man sich meist unbewusst von den eigenen Eltern ab, auch wenn es zuweilen nach der Devise läuft: „So wie meine Eltern will ich es jedenfalls nicht machen!“
Worauf soll Kindererziehung abzielen? Wenn Eltern ihren Kindern das zu vermitteln versuchen, was in den dreizehn Punkten oben bereits aufgelistet wurde, so haben sie ohnehin schon ein volles Programm zu bewältigen. Darüber hinaus dürfte es ratsam sein, auch noch folgende Dinge zu beachten, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben:

1. Eltern sollten ihre Kinder bedingungslos lieben. Sie sollten Liebesentzug weder einsetzen noch damit drohen. Forderungen und Bitten dürfen nicht an Liebesbekundungen oder Liebesentzug geknüpft werden. Egal, was Kinder anstellen, an der uneingeschränkten und bedingungslosen Zuwendung ihrer Eltern sollten sie nicht zweifeln müssen.

2. Eltern sollten ihre Kinder als vollwertige Personen ansehen: Sie sollten ihnen aufmerksam zuhören, ihre Fragen – auch die scheinbar „dümmsten“ – beantworten, auf ihre Bedürfnisse achten und ihre Gefühle ernst nehmen. (Tabu ist der Satz: „Das Gefühl musst du nicht haben; es ist falsch.“)

3. Eltern sollten bei allen Entscheidungen, die die Kinder betreffen, diese zu Wort kommen lassen, ihnen aufmerksam und wertschätzend zuhören und ihre Meinungen und Wünsche in gemeinsame Entscheidung einfließen lassen. Diese Mitwirkung der Kinder wird den gegenseitigen Respekt erhöhen und die frühe Mündigkeit der Kinder fördern.

4. Eltern sollten Rituale entwickeln und pflegen; sie vermitteln Struktur, Orientierung, Vorhersagbarkeit und Sicherheit und entsprechen einem Grundbedürfnis des Kindes. Kinder werden sich später gerne an diese Gepflogenheiten erinnern und sie vielleicht selbst in ihren Familien einsetzen. Rituale sollten aber auch begründet, zuweilen hinterfragt und gegebenenfalls (im Konsens!) wieder geändert werden.

5. Eltern sollten ihren Kindern regelmäßig Geschichten erzählen oder vorlesen. Durch Geschichten – Märchen, Sagen und andere spannungsgeladene Erzählungen – lernen Kinder mit Gefühlen umzugehen (auch mit dem Gefühl der Angst).

6. Nur wer seine Muttersprache gut beherrscht, vermag auch Fremdsprachen gut zu lernen. Darum ist Eltern zu empfehlen, konsequent die mütterliche bzw. väterliche Sprache zu sprechen, zu pflegen, zu üben und wertzuschätzen. Sprachliche Mischformen sollte man tunlichst vermeiden.

7. Eltern sollten mit ihren Kindern viel spielen. Gemeinsames Spielen stärkt nicht nur die emotionalen Bindungen zwischen Eltern und Kindern, es ist auch eine der wichtigsten Methoden, Frühstimulationen einzusetzen, um die frühzeitige Ausbildung des Gehirns zu ermöglichen.

8. Eltern sollten ihre Kinder ermutigen und loben. Kritik, vor allem dann, wenn sie an der Person statt am Verhalten ansetzt, ist zerstörerisch. Vorsicht auch mit sogenannter „konstruktiver Kritik“, die zu akzeptieren eine reife Persönlichkeit voraussetzt.

9. Die allerbeste Methode, gewünschtes Verhalten bei Kindern hervorzurufen, ist, als Eltern mit gutem Beispiel voranzugehen. Und: sie sollten ihr eigenes Verhalten begründen, damit Kinder wissen, warum die Eltern es so und nicht anders machen.

10. Eltern sollten ihre Kinder nicht erziehen, sondern ihnen viele Gelegenheiten geben, sich zu entfalten. Mit „Erziehung“ meinen wir hier eine absichtsvolle manipulative Beeinflussung zu einem von den Eltern gewünschten Verhalten. Mit „Entfaltung“ meinen wir die Gewährung von Gestaltungsspielräumen, innerhalb derer das Kind seine eigenen kreativen Neigungen entdecken und einüben kann, um eine eigenständige, individuelle Persönlichkeit herauszubilden.

11. Aber Eltern sollten ihren Kindern auch Grenzen setzen. Eindeutige Grenzen sind nötig, um Kinder nicht der Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit preiszugeben. Doch Grenzen sollten nicht willkürlich gesetzt, sondern vor allem mit den Bedürfnissen und Rechten anderer begründet werden.

12. Eltern sollten sich ihrer Wertvorstellungen bewusst sein und diese ihren Kindern vermitteln. Wertvorstellungen (oder kurz: Werte) sind die geistigen und ethischen Handlungsvoraussetzungen, die wir uns (oft unbewusst) zu eigen gemacht haben und an denen wir unser Handeln ausrichten. Viele sind sich dieser Voraussetzungen nicht bewusst, handeln aber danach. Es ist besser, sie zu kennen, sie für sich und die Kinder zu begründen und – sie zu leben.

13. Eltern sollten Wert auf Spiritualität legen und diese ihren Kindern vermitteln. Mit Spiritualität ist hier weniger die soziale und rituelle Einbettung in eine Religion oder Glaubensgemeinschaft gemeint (von der Kinder sehr wohl profitieren können) als vielmehr das Bewusstsein unserer Verantwortung für heilsame Beziehungen: zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen, zu unserer Umwelt und zu dem, der unsere Welt im Innersten zusammenhält.

3. Krippe und Kindergarten als erste Bildungsinstitution

Als erste bildende Institutionen sind Krippe und Kindergarten wichtige Wegweiser, um Kinder auf ein Leben mit vielfältigen Facetten vorzubereiten. Hier lernen die Kinder den respektvollen Umgang mit anderen Kindern und Menschen verschiedener ethnischer, religiöser und sozialer Herkunft. Krippe und Kindergarten bieten dem Kind, anders als die Schule, eine weitgehend individuelle Entwicklung in einem sozialen Gefüge und fördern das Kind ressourcenorientiert. Die pädagogische Arbeit in Kindertagesstätten mit dem Konzept für Bildung, Betreuung und Erziehung aller Kinder schließt die Unterstützung von armutsbetroffenen beziehungsweise sozial benachteiligten Kindern und deren Familien mit ein. Über die frühe Bildung, wird diesen Kindern in besonderem Maße kompensatorisch und präventiv der Weg in die Gesellschaft eröffnet.

1. In Krippe und Kindergarten haben Kinder die Möglichkeit, sich vielfältig und indivi-duell im Zusammenspiel mit einer sozialen Gemeinschaft ihre Welt zu erschließen und für anfallende Konflikte eigenständige Lösungswege zu suchen. Die Erzieher-Innen nehmen eine begleitende Rolle ein und unterstützen jedes Kind auf seinem individuellen Weg.

2. Anders als die Schule, bieten Krippe und Kindergarten den Kindern keine absolute Realität, in der es nur richtig oder falsch gibt. Der Ansatz der Ko-Konstruktion geht davon aus, dass das Kind die Welt interpretieren muss, um sie zu verstehen. Der natürliche Lern- und Spieltrieb der Kinder wird hier gefördert und unterstützt und sein Bedürfnis, mit seiner dinglichen und sozialen Umwelt in Beziehung zu treten. Der Schlüssel dieses Ansatzes ist die soziale Interaktion; die Kinder bauen zusammen mit den ErzieherInnen ihre Lernumgebung selbst aus. Auf diese Weise erforscht das Kind seine Umwelt und beginnt, sie zu verstehen.

3. Die Kinder werden mit Situationen und Konflikten konfrontiert, die in der eigenen Familie so nicht auftreten. Die Auseinandersetzung mit fremden Menschen ist ein wichtiger Baustein in der Persönlichkeitsentwicklung. Die Kinder üben hier Selbst-bestimmung und lernen wichtige Aspekte des sozialen Miteinanders, welches unerlässlich ist, um zu mündigen Bürgern der Gesellschaft heranzuwachsen. Die Kinder haben hier die Möglichkeit, vielfältige kommunikative Fähigkeiten zu entwickeln. Sie erfahren und lernen durch den Austausch im sozialen Umfeld emotionale Intelligenz. Krippe und Kindergarten bietet den Kindern die Möglichkeit Werte zu leben und zu erfahren.

4. Damit Kinder sich offen auf Selbstbildungsprozesse einlassen können, ist eine gute, liebevolle und angenehmen Atmosphäre in der Kindertagesstätte von Be-deutung. ErzieherInnen begleiten und bestärken die Kinder durch positive Emotionen im gesamten Alltag. Durch helle und kindgerecht eingerichtete Räume, durch einen freundlichen Umgang während des Essens und ein liebevolles Einlassen der ErzieherInnen in allen Alltagssituationen, werden die Kinder motiviert und gestärkt. Kreativität und Aufnahmebereitschaft werden hierdurch um ein vielfaches erhöht.

5. Die ErzieherInnen fördern die Motivation der Kinder indem sie deren Neugier- verhalten unterstützen. Dabei handelt es sich um deren Grundbedürfnis nach gerichtetem, zielstrebigem Aufsuchen von neuen Situationen, Reizen und Aufgaben. Die pädagogischen Fachkräfte setzen dabei Anreize, die die Kinder zur Selbst-bildung anregen. Das Eigeninteresse der Kinder ist hier entscheidend. Innere Beweggründe fördern das Interesse, und somit das Engagement der Kinder. Neu-gierverhalten regt zu äußerem und innerem Probehandeln an.

6. Die Förderung der Kinder in Krippe und Kindergarten wird auf die Persönlichkeit, die persönliche Lebenslage und die Ressourcen des einzelnen Kindes abgestimmt. Es ist die Aufgabe der Erzieherin, auf unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und individuelle Lernstrategien der Kinder einzugehen. Dabei zeigt die pädagogische Fachkraft Achtung vor der persönlichen Geschwindigkeit des Einzelnen und dem Bedürfnis sich körperlich und geistig in eigenem Zeitmaß zu entwickeln. Sie respektiert, unterstützt und fördert so die individuellen Neigungen und Vorlieben.

7. Eine authentische Erzieherin zeichnet sich durch eine Ausgewogenheit aus fach-lichen und persönlichen Anteilen in ihrer Berufsrolle aus. Authentizität im Gleichgewicht mit Fachlichkeit zeigt sich darin, fachliche Inhalte nicht abzuspulen, sondern zu leben, zum Beispiel in der Übereinstimmung mit Bildungsinhalten der eigenen Einrichtung. So werden fachliche Inhalte hinterfragt und weiterentwickelt, indem die pädagogische Fachkraft sich selbst für den Lernstoff interessiert und hinter der Lernmethode steht. Zum anderen brauchen gerade Kinder echte Vorbilder, die ihnen keine fachliche Figur vorleben, sondern die echt in ihrer Persönlichkeit, ihren Gefühlen und Wahrnehmungen sind. ErzieherInnen helfen den ihnen anvertrauten Kindern auf diese Weise, die eigenen Gefühle zu spüren und ernst zu nehmen und dabei, die Lernfreude der Kinder zu wecken und zu erhalten, denn sie ist der Schlüssel zur Bildung.

8. Krippe und Kindergarten sind Orte, die jedem Kind Akzeptanz und Wertschätzung schenken und keine Leistungsunterschiede machen. Jedes Leistungsniveau wird anerkannt und wertgeschätzt. Das Kind wird als individuelle Person akzeptiert, gefördert und nicht aufgrund seiner Intelligenz anderes behandelt. Es werden keine leistungsabhängigen Gruppierungen gebildet.

9. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ (Francois Rabelais) Kinder erfassen und begreifen die Welt selbstständig und aktiv. Mit ganzheitlichen und sinnlichen Erfahrungen können sie ihren Forschungstrieb in dieser Zeit stark ausleben. Deshalb ist die Kindheit die lernintensivste Zeit. Da es in Kindergärten und Krippen keine festgelegten Jahrgangsstufen gibt, werden die Lernziele und Lernformen individuell gefördert. Somit sind die Bildungschancen für alle Kinder gleich. Diese Art ermöglicht Kindern unterschiedlichen Alters, von- und miteinander zu lernen. Lernen in allen Entwicklungsbereichen ist die Grundlage der frühen Bildung!

10. ErzieherInnen unterstützen Kinder in ihren Bildungsprozessen und achten darauf, dass es nicht nur um den reinen Erwerb von Wissen geht, sondern ermöglichen den Kindern die Welt selbstständig zu erkunden und sich so ein zusammenhängendes Verständnis der Welt zu erschließen.

11. Kinder werden in Krippe und Kindergarten nicht nur nach den Schwerpunkten der jeweiligen pädagogischen Konzeption gefördert, sondern in ihren individuellen Fähigkeiten und Fertigkeiten gestärkt. Dazu braucht es eine gute ErzieherIn – Kind – Bindung, wodurch jedes Kind nicht nur Anerkennung und Wertschätzung erfährt, sondern auch Resilienz für ein selbstbestimmtes Leben entwickelt. So reift bei den Kindern mit steigendem Alter immer bewusster eine Entschlossenheit, die gestellten Lebensaufgaben anzugehen und zu meistern.

12. Um die Kinder auf ihrem Lebensweg gut begleiten zu können, müssen Fachkräfte bereit sein, ein Leben lang zu lernen, Fortbildungsmöglichkeiten wahrzunehmen und sich untereinander austauschen. Dadurch erweitern sie ihre professionellen Fähig-keiten und die Möglichkeiten Kinder in allen Lebenslagen mit eigenem fachlichem Hintergrund zu unterstützen.

13. Um den Qualitätsstandard in Krippen und Kindergärten zu sichern, muss ein Evaluationssystem, als integrierter Teil von Qualitätsentwicklungsprozessen, in jeder Einrichtung ausgearbeitet und genutzt werden. Dabei sollen die Eltern miteinbezogen werden, da sie für die Entwicklung Ihrer Kinder eine zentrale Rolle spielen.

(Diese 13 Punkte zu Krippe und Kindergarten wurden beigesteuert von: Barbara Kritzinger, Lehrerin an einer Fachschule für Sozialpädagogik, und ihrer Klasse 3 BKSPiT1)

4. Die Schule als Chancengeber

Von unschätzbarer und unverzichtbarer Bedeutung für die Lebensperspektiven eines Kindes ist die Schulbildung. Die Schule kann dem Kind das für ein erfolgreiches Leben notwendige Wissen vermitteln und zahlreiche Möglichkeiten und Perspektiven eröffnen. Aber sie kann auch der Ort für Frustrationen und enttäuschte Erwartungen werden. Dies ist nicht der Ort, auf Schulsysteme, PISA-Tests oder Schulpädagogik einzugehen. Aber einige Grundsätze sollen doch aufgezählt werden, die dazu beitragen können, die Schule als Chancengeber für Kinder zu gestalten:

1. Non scholae, sed vitae discimus. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“, heißt die populäre Devise, die schon vielen Kindern ins Stammbuch geschrieben wurde, die aber vor allem, bitteschön, von der Schule selbst befolgt werden sollte! Würden mehr Schulen dieses geflügelte Wort wirklich beherzigen, ginge es Schülern, Lehrern, Eltern und Gesellschaften besser.

2. Schulen und Lehrer verstehen sich in erster Linie als Wissensvermittler. Doch was mehr im Vordergrund stehen sollte ist: das Lernen zu lernen. Kinder sollten lernen, wozu sie lernen sollen und wie sie lernen können. Kinder müssen auch wissen: Fortdauerndes Lernen ist fürs Leben sinnvoll, fürs Berufsleben unverzichtbar und kann obendrein sogar Spaß machen!

3. Die Schule ist nicht nur als Institut des Lernens zu verstehen, sondern auch als Einrichtung der Persönlichkeitsbildung und Selbstbestimmung sowie zur Förderung der Mündigkeit. Schulen sollten sich als ganzheitliche Bildungsstätten begreifen, in denen Kinder nicht nur fachliches Know-how vermittelt bekommen, sondern auch kommunikative Fähigkeiten, emotionale Intelligenz und eine Werteorientierung.

4. Lernpsychologie und Hirnforschung lehren uns, dass Kinder besser lernen, wenn die Wissensaneignung in einer angenehmen Atmosphäre stattfindet und mit positiven Emotionen verbunden ist. Lehrer müssen sich das Handwerkszeug aneignen, um eine angenehme Lernatmosphäre zu schaffen. Vernichtende Kritik und Angstmacherei durch die Lehrer hingegen aktivieren hormonelle Ausschüttungen im Mandelkern, der zentralen Schaltstelle des Gehirns, so dass Lernen mit Angst assoziiert wird. Dadurch werden Kreativität und Aufnahmebereitschaft des Kindes abgeschwächt und sogar abgetötet.

5. Lernen ist Motivationssache. Die Pädagogik unterscheidet zwischen inneren und äußeren Beweggründen (intrinsischer und extrinsischer Motivation). Innere Beweggründe („Das wollte ich schon immer mal wissen“) bewirken ein Eigeninteresse des Schülers am Lernstoff und stärken das Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung. Äußere Beweggründe werden an den Schüler herangetragen, ihm zuweilen aufgenötigt („Wer unentschuldigt fehlt, bekommt Punktabzüge“). Innere Motivationen sind zu bevorzugen und zu stärken, äußere nur gelegentlich einzusetzen.
6. Die Lernpsychologie weiß, dass Menschen je nach Typ und Alter unterschiedlich lernen. Die Pädagogik muss darauf Rücksicht nehmen. Sie muss unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten und individuelle Lernstrategien erlauben und fördern und auch individuelle Neigungen und Vorlieben berücksichtigen. Alle Schüler über einen Kamm zu scheren bringt Gewinner und Verlierer hervor.

7. Begeisterung ist der Schlüssel zum Lernerfolg. Lehrer und Lehrerinnen, die sich weder für ihren Lehrstoff noch für ihren Beruf, geschweige denn für ihre Schüler begeistern können, sind eher fehl am Platz. Die Begeisterung der Lehrer sollte natürlich auch überspringen und nach Möglichkeit auch Begeisterung bei den Schülern auslösen.

8. Die Schule darf nicht zum Ort des Versagens werden. Kein Kind sollte abgekanzelt, beschämt oder als Taugenichts abgestempelt werden. Kein Kind sollte wegen seiner Andersartigkeit oder seines abweichenden Lernverhaltens abgestraft werden. Insofern wäre auch ernsthaft zu fragen, ob die Praxis des Sitzenbleibens einer modernen Pädagogik noch angemessen ist.

9. Neue Formen der Leistungsbeurteilung und Leistungsbegleitung müssen erprobt werden. Leistungen sollten nicht nur nach allgemeinen Standards, sondern vor allem nach individuellen Lernfortschritten bewertet werden. Starre Jahrgangsklassen könnten durch flexible Lernformen und Lernziele aufgebrochen werden. Kinder unterschiedlichen Alters könnten – je nach Talent und Neigung – in derselben Klasse sitzen. Ungleiche Bildungschancen würden auf diese Weise so weit wie möglich abgebaut.

10. Neuer Lernstoff sollte in bestehendem Wissen verankert werden, um Unbekanntes mit Bekanntem zu verbinden und Neugierde und Interesse zu wecken. Es sollte auch immer wieder der Bezug zur Alltagspraxis und zum Berufsleben hergestellt werden. Es geht weniger darum, sich umfangreiches Faktenwissen anzueignen, als die größeren Zusammenhänge und Prinzipien zu verstehen.

11. Die Ungleichwertigkeit der Fächer sollte hinterfragt werden. Für das spätere Berufsleben könnte ein sogenanntes „Nebenfach“ höhere Relevanz haben als ein sogenanntes „Hauptfach“. Zwar sollte es in allen Fällen Mindeststandards geben, aber auch die Möglichkeit, sich in Lieblingsfächern auszuzeichnen und es darin zur „Meisterschaft“ und Anerkennung zu bringen.

12. Lehrer bedürfen eines Austauschs über Erfolge und Misserfolge im Unterricht. Dazu brauchen sie einen geschützten Raum, in dem sie voneinander lernen können. Auch sollten sie kontinuierlich mit Lernforschern und Fachdidaktikern zusammenarbeiten, um von diesen Anregungen und Hilfestellungen zu erhalten. Viele Lehrer tragen die Maske ihrer eigenen Unverwundbarkeit vor sich her, obwohl die meisten von ihnen mit ihrer Motivation und ihren Klassenverbänden zu kämpfen haben.

13. Schulen und Lehrer brauchen Qualitätskontrollen. Nicht nur mittels PISA-Tests, sondern auch durch Schüler- und Lehrerbefragungen. Eine Unterrichtsdiagnostik kann eine Gelegenheit für einen „Abgleich“ darstellen, denn nur durch ein solches empirisches Diagnostikfundament wird die Motivation geschaffen, sich positiv zu verändern.

5. Die Gesellschaft als Bewährung

Erziehung und Bildung sind dazu da, das Kind auf die gesellschaftliche Bewährung vorzubereiten, damit es in der Gesellschaft und für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen kann. In der Gesellschaft muss das Kind später seinen Platz und seine Rolle finden. Doch die Gesellschaft ist nicht nur der Ort der Bewährung; vielmehr kommt ihr auch die Verpflichtung zu, das Zusammenleben der Menschen zu regeln, für ein faires Miteinander zu sorgen und die Prinzipien der Gleichheit, Freiheit und Sicherheit zu gewährleisten. Das Gemeinwesen hat auch die wichtige Aufgabe, für ein (jeweils zu definierendes) Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit zu sorgen – wozu Verteilgerechtigkeit und Chancengerechtigkeit gehören. Da es hier vor allem um das Phänomen „Kinderarmut“ geht, werden nachfolgend einige Aufgaben und Prinzipien aufgeführt, die Staat und Bürgergesellschaft beherzigen müssen, um ihrer Verantwortung gegenüber den Kindern dieser Welt gerecht zu werden:

1. Staat und Gesellschaft stehen in der Pflicht, die international vereinbarten Kinderrechte zu achten, sie durchzusetzen und Zuwiderhandlungen zu ahnden. Mit der Verletzung von Kinderrechten schadet sich die Gesellschaft als Ganze letztlich selbst.

2. Die Gesellschaft sollte tunlichst allen Kindern, besonders aber den benachteiligten (etwa behinderten oder fremdsprachigen) eine geeignete Frühförderung angedeihen lassen, damit schon zum Zeitpunkt der Einschulung ein Höchstmaß an Chancengleichheit gewährleistet ist.

3. Der Staat muss dafür sorgen, dass alle Kinder zur Schule gehen und eine qualitativ möglichst gleichwertige Bildung erhalten. Dafür müssen Talentierte und Hochbegabte ebenso gefördert werden wie Lernschwache.

4. Die Gesellschaft als Ganze hat dafür Sorge zu tragen, dass Jugendliche eine angemessene Ausbildung erhalten. Jugendliche ohne Ausbildung sind eine Hypothek für die Gesellschaft. Politik, Wirtschaft und Schulsystem sollten kooperieren, um dieses Ziel sicherzustellen.

5. Der Staat muss für alle Bürger ein Mindestmaß an Grundversorgung sicherstellen. Damit ist nicht nur die flächendeckende Versorgung mit Gesundheitsdiensten, Schuldiensten und Infrastrukturen (Wasser, Strom, Abwasser usw.) gemeint, sondern auch die Gewährung eines Existenzminimums.

6. Moderne Industriegesellschaften sind auf eine Forschung angewiesen, die sich nicht nur am Nutzen orientiert, sondern am Gemeinwohl. Darum muss der Staat Forschung im Allgemeinen und Grundlagenforschung im Besonderen fördern.

7. Die Gesellschaft sollte auch dafür sorgen, dass sich Arbeit lohnt und man davon leben kann. Zur Sicherung von Mindestlöhnen müssen Gesetzgeber, Zivilgesellschaft und Wirtschaft kooperieren. Lohndumping nützt nur wenigen und schadet langfristig der ganzen Gesellschaft.

8. Die Gesellschaft muss einen sozialen Ausgleich zwischen Arm und Reich anstreben – nicht im Sinne einer sozialistischen Gleichmacherei, sondern insofern, als den Starken und Reichen vergleichsweise mehr Lasten zugemutet werden sollten als den Schwachen und Armen.

9. Der Staat muss den freien Markt schützen, nicht aber einen Raubtierkapitalismus, der um der Gier derer willen, die Geld gewinnbringend anlegen, das Gemeinwohl aufs Spiel setzt. Geldvermehrung sollte nicht auf Kosten der Arbeitnehmer und der Steuerzahler möglich sein.

10. Der wohlhabende Industriestaat hat schon aus eigenem Interesse für einen Ausgleich zwischen armen und reichen Ländern zu sorgen. Gemäß den Millenniumsentwicklungszielen bedarf es dazu einer fairen Partnerschaft zwischen Geberländern und Entwicklungsländern.

11. Staat und Gesellschaft müssen einen aktiven Beitrag zum Frieden in der Welt und für die friedliche Lösung von Konflikten leisten. Konfliktprävention ist besser und billiger als die Befriedung bewaffneter Konflikte.

12. Der moderne Staat muss sich als Glied von Bündnissen verstehen und insofern auf einen Teil seiner Souveränität verzichten. Nicht nur regionale Bündnisse sind zu stärken (wie die Europäische Union oder die Afrikanische Union), sondern auch globale.

13. Staat und Gesellschaft haben eine entscheidende Verantwortung für Umwelt und Klima und damit für eine nachhaltige Ökologie und Ökonomie. Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, sondern auch für unsere Kinder und die gesamte Schöpfung.

Quelle: Kurt Bangert: Kinderarmut. In Deutschland und weltweit, SCM Hänssler: Holzgerlingen 2010, S. 93-105
(Punkt 3 zu Krippe und Kindergarten wurde von Barbara Kritzinger und ihrer Klasse BKSPiT1 beigesteuert)

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