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CORONA UND ARMUT

14. November 2020. Ehrlich gesagt: Zu keiner Zeit war ich dankbarer, in Deutschland zu leben, als in diesen Corona-Zeiten. Freilich, auf die Corona-Pandemie hätte auch ich gerne verzichtet – wie die meisten Menschen. Aber wenn wir schon mit diesem Virus leben müssen, dann lieber in Deutschland als anderswo.

Gewiss, einige Länder Asiens – ich denke an Südkorea, Taiwan, Vietnam, Japan oder Singapur – haben das Virus noch sehr viel besser in Schach gehalten als wir, aber gleichwohl hat Deutschland sich inmitten Europas doch recht tapfer geschlagen. Wir haben vieles richtig gemacht. Die meisten von uns bemühen sich, die AHA-Regeln einzuhalten, und wir erleben auch eine Regierung, die sich eng mit den Wissenschaftlern abstimmt, um dann abgewogene Entscheidungen zu treffen, die bisher meist auch gegriffen haben. Dass bei einer in dieser Form noch nie dagewesenen Pandemie auch handwerkliche Fehler gemacht werden, will ich gerne zugestehen. Im Großen und Ganzen haben die in der Regierung Verantwortlichen es auch gut hinbekommen, die Bevölkerung über den Stand der Entwicklung und über die Notwendigkeit der Maßnahmen zu informieren und sie zu begründen. Mit einem anfänglichen konsequenten Lockdown und einer raschen finanziellen Abfederung hat unsere Regierung schnell gehandelt, sodass ein großes Unternehmensterben und eine weit verbreitete Arbeitslosigkeit bisher vermieden werden konnte. Hier zeigte sich die Kraft und Sinnhaftigkeit unserer sozialen Marktwirtschaft – anders als etwa in den USA, wo Massenentlassungen, Arbeitslosigkeit, Überschuldung und Hausverlust an der Tagesordnung waren und zahlreiche Menschen – auch aus der Mittelklasse – plötzlich mittellos auf der Straße stehen. (Nebenbei und nicht ganz ohne Schmunzeln: Das bekannteste „Opfer“ der Pandemie ist Donald Trump: Er infizierte sich mit dem Virus, verlor daraufhin seinen Job, ist hoch verschuldet und muss sogar sein Haus zwangsräumen.)

Klar, auch hierzulande gibt es genügend von der Pandemie oder den Gegenmaßnahmen verursachte Schicksale, die vom sozialen Netz (noch) nicht ausreichend aufgefangen wurden. Da mag es wenig Trost sein, dass es in anderen Teilen der Welt noch viel schlimmer zugeht. Weit verbreitete Armut droht in Lateinamerika, allen voran in Brasilien, wo der dortige Präsident lange Zeit – seinem amerikanischen Kollegen folgend – die Pandemie heruntergespielt und verharmlost hat. Auch Asien und Afrika sind betroffen, obwohl die Berichte über die dortigen Schicksale kaum zu uns dringen.

Die Zustimmung der Bevölkerung zur Corona-Politik der deutschen Regierung ist erstaunlich groß – auch wenn es immer wieder Bürger gibt, welche die Maßnahmen für übertrieben halten oder die Corona-Krise insgesamt infrage stellen. Bei einigen der Corona-Leugnern hat man sogar den Eindruck, als gäbe es Corona-bedingte nicht-infektiöse Hirnschädigungen, etwa wenn in manchen Städten sogenannte Querdenker (oder besser: Nichtdenker) ohne Abstand und Maske auf die Straße gehen, um für eine möglichst weite Verbreitung des ach so überlebensgefährdeten Virus zu demonstrieren. In der nun angebrochenen fünften Jahreszeit des Faschings scheinen mir die furchterregendsten Gesichter diejenigen ohne Maske zu sein.

Meine Dankbarkeit, in Deutschland zu leben, hat auch damit zu tun, dass die Bundesregierung im Schulterschluss mit den Regierungen anderer EU-Länder einen umfassenden Hilfsfonds auf den Weg gebracht hat, von dem die am meisten betroffenen Länder Europas profitieren sollen, um sich von der Corona-bedingten Rezession zu erholen.

Aber meine Freude, in Deutschland zu leben, ist auch durchmischt durch meine Sorge für die in vielen Teilen der Welt von Corona betroffenen Menschen in armen Ländern, die – anders als in Deutschland – kaum oder gar keine finanzielle Abfederung ihres Staates erwarten können, um ihnen in diesen schweren Zeiten unter die Arme zu greifen. (In Brasilien haben tausende von Wohlhabenden ihre Haushaltshilfen entlassen, aus Angst, von ihnen angesteckt zu werden; die Helfer stehen nun ohne Einkommen da.) In vielen der Entwicklungsländer ist die Ansteckungsrate dramatisch, auch wenn sich das in den Statistiken nicht niederschlägt, weil Menschen reihenweise sterben, ohne dass ihnen ein Coronatest ihre Virenerkrankung hätte bescheinigen können.

Dass dies die Fluchtbewegungen aus den verarmten Staaten Afrikas und Lateinamerikas verstärken dürfte, darüber spricht bislang noch niemand. Tatsache ist aber, dass die Flüchtlingsströme kaum nachlassen. Seit Jahresbeginn kamen 16.000 Menschen in Booten auf die italienische Insel Lampedusa und 14.000 Migranten auf die Kanarischen Inseln. Immer noch sterben hunderte von Menschen auf dem Meer, die ihr Ziel – Europa – gar nicht erst erreichen. Dass wir dringend europäische Lösungen für eine wirksamere und schnellere Asylpolitik, Einwanderungspolitik und Entwicklungspolitik brauchen, steht außer Frage. Wahr ist leider auch: Die internationale Entwicklungspolitik bleibt größtenteils ein beschämendes Feigenblatt, das nur verschleiert, dass die von den Vereinten Nationen anvisierten Armutsbekämpfungsmaßnahmen („Nachhaltigkeitsziele“) bislang noch unzureichend greifen. Es muss mehr getan werden, um die weltweite Armut zu bekämpfen! Andernfalls werden wir nach den Coronawellen noch mehrere Migrationswellen erleben, die unsere Demokratien, Sozialversicherungssysteme und Gesundheitssysteme überfordern werden.

Kurt Bangert


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